Kult-Kneipe Zur Ritze in Hamburg auf der Reeperbahn: Als die Killer auf den Kiez kamen

27.06.2017

Zur Ritze ist eine Kneipe mit Boxring im Keller in Hamburg - St. Pauli. Sie befindet sich im Hinterhof und hat eine berühmte Eingangstür, die rechts und links von zwei gespreizten Frauenbeinen mit High Heels flankiert ist, aufgemalt von Erwin Ross. Das Lokal gilt als bekannteste Kneipe St. Paulis.

Kult-Kneipe Zur Ritze in Hamburg auf der Reeperbahn
Kult-Kneipe Zur Ritze in Hamburg auf der Reeperbahn

Als die Killer auf den Kiez kamen

Fotos: (c) Jens Hartmann / Text Quelle: NDR  www.ndr.de 

29. Juli 1986: Im Hamburger Polizeipräsidium zieht der Auftragskiller Werner "Mucki" Pinzner während der Vernehmung eine Waffe und richtet sie gegen den ermittelnden Staatsanwalt, seine Frau und zuletzt gegen sich selbst. Alle drei sterben. "St.-Pauli-Killer" Pinzner war gut drei Monate zuvor, am 15. April 1986, verhaftet worden und saß seither in U-Haft. Nach dem Blutbad gerät Hamburgs Justiz und Polizei in die Kritik. Zwei Senatoren müssen ihre Posten räumen.

Blutbad im Polizeipräsidium

  • Er tötete sogar während der Freigänge aus dem Gefängnis: Werner "Mucki" Pinzner, bekannt als der "St.-Pauli-Killer".

  • Er habe noch Einzelheiten zu einem Mord auszusagen - unter diesem Vorwand lässt sich Pinzner am 29. Juli 1986 ins Polizeipräsidium bringen. Die Protokollantin bringt allerdings nur wenige Zeilen aufs Papier, bevor Pinzner zur Waffe greift.

  • Pinzner schießt zuerst auf den ermittelnden Staatsanwalt Wolfgang Bistry (hier sein Passfoto). Der Jurist erliegt am Tag nach der Bluttat seinen Verletzungen.

  • Auch seine Frau Jutta erschießt Pinzner. Die allerdings ist eingeweiht. Sie und ihr Ehemann hatten die Bluttat zusammen geplant.

  • Unterstützt werden sie von Pinzners Verteidigerin Isolde O. Sie besorgt den Revolver. Ehefrau Jutta versteckt ihn unter ihrem Rock und wird nicht kontrolliert.

  • Die Polizei rekonstruiert später, wie Pinzners Ehefrau die Waffe einschleuste. Sie hatte sie in ein Handtuch eingewickelt und im Slip versteckt.

  • Geplant hatte Pinzner das Verbrechen von seiner Zelle aus. Über die Anwaltspost wird er mit Informationen versorgt.

  • Möglicherweise auf demselben Weg gelangten auch Drogen zu Pinzner. Die Polizei findet nach seinem Tod Fixerbesteck und Rauschmittel in seiner Zelle.

  • Seine Matratze diente Pinzner als Versteck. Dort brachte er die Drogen unter, ohne dass die Justizbeamten es bemerkten.

70er-Jahre: Die alten Kiez-Größen verlieren an Einfluss

Schon lange vor der spektakulären Tat hatte sich das Milieu auf St. Pauli verändert. Bis Mitte der 70er-Jahre ist Wilfried "Frieda" Schulz der Strippenzieher auf dem Kiez. Der sogenannte Pate von St. Pauli hat ein mächtiges Imperium aufgebaut, wird auf der Reeperbahn als Statthalter respektiert. Wenn jemand Ärger macht, beruft Schulz ein informelles Gericht ein und spricht Urteile. Die härteste Strafe lautet St.-Pauli-Verbot - meist der Ruin für den Verurteilten. Denn mit der Verbannung sind auch jegliche Anteile im Amüsierviertel hinfällig.

Die neuen Zuhälterbanden heißen GmbH und Nutella

Ende der 70er-Jahre verliert Schulz an Einfluss. Zwei Zuhälterorganisationen machen sich auf St. Pauli breit: die GmbH - der Name beruht auf den Initialen der Mitglieder - und die sogenannte Nutella-Bande. Diesen Namen verdankt die Truppe junger Männer ihren älteren Rivalen. Die belächeln die Jungen und meinen, sie sollten mehr Nutella-Brote essen, um erst einmal groß und stark zu werden.

Zivilfahnder Waldemar Paulsen nach der Verhaftung einer Prostituierten Anfang der 80er.

Der ehemalige Polizist Waldemar Paulsen kennt alle Kiezgrößen persönlich. Ab 1972 arbeitet er als Zivilfahnder im Bereich Zuhälterei und Prostitution auf St. Pauli. Er erlebt mit, wie die GmbH im Handumdrehen ein Imperium mit Hunderten Prostituierten aufbaut: "Die haben alle Kohle gehabt ohne Ende. Das Geld quoll denen nur so aus den Taschen", sagt Paulsen. Michael "der schöne Mischa" Luchting - das M der GmbH - beispielsweise trägt damals nur Maßanzüge, fährt seinen Rolls-Royce die Reeperbahn hoch und runter. Paulsen gerät fast ins Schwärmen: "Ein smarter Typ, dem Frauen und Männer gleichermaßen zu Füßen lagen".

Den erfolgreichen Zuhältern ist der unbequeme Zivilfahnder Paulsen bald ein Dorn im Auge. Mit einer Intrige will die GmbH Paulsen loswerden. Der Plan: Sie wollen verbreiten, dass der Polizist, der überall unter dem Namen Rotfuchs bekannt ist, eine Prostituierte für sich anschaffen lässt. Doch Paulsen bekommt das Vorhaben gesteckt und kann den hinterlistigen Plan vereiteln.

Drogen lösen einen blutigen Zuhälterkrieg aus

Zivilfahnder Waldemar Paulsen (l.) und sein Kollege - genannt der Schnelle - kannten alle Kiezgrößen.

Anfang der 80er-Jahre kommt Kokain ins Spiel. Für die Zuhälter ist es nicht nur eine neue Einnahmequelle. "Es waren zu viele Drogen im Umlauf und auch die Luden haben sich zugeknallt, wurden völlig unberechenbar und unvorsichtig", sagt Paulsen. Mit der Sucht schaufeln sich einige das eigene Grab. Gestandene Leute im Milieu machen die Drogen für ihre Geschäftspartner "untragbar". Sie werden verdrängt: "Der schöne Mischa", der einstige Bordellboss aus der GmbH-Clique, wird entmachtet. Kurz darauf findet man ihn erhängt in einem Wald in der Lüneburger Heide.

1981: erster Auftragsmord in der "Ritze"

Die GmbH wird bald zerschlagen. Peter N., bekannt als "Wiener Peter", gibt jetzt den Ton auf St. Pauli an. Als am 28. September 1981 in der berühmten Kneipe "Ritze" der erste Auftragsmord passiert, sitzt "Wiener Peter" neben dem Opfer, seinem Partner "Chinesen Fritz". Es ist nicht eindeutig, wer ihn getötet hat, aber vieles deutet laut Paulsen darauf hin, dass "Wiener Peter" selbst den Killer beauftragt hat, weil sein kokssüchtiger Partner aus dem Geschäft aussteigen wollte. Mit dem gewaltsamen Tod beginnt ein blutiger Zuhälterkrieg auf St. Pauli.

Die Fronten zwischen den Banden verhärten sich. Zu dieser Zeit verbüßt der Mann, der später als St.-Pauli-Killer Schlagzeilen machen wird, eine zehnjährige Haftstrafe wegen eines tödlichen Raubüberfalls. In der JVA Fuhlsbüttel, besser bekannt als Santa Fu, macht Werner "Mucki" Pinzner Bekanntschaft mit Drogen. Kokain wird sein ständiger Begleiter. Aus dem Knast heraus knüpft er erste Kontakte ins Rotlichtmilieu.

Pinzner macht sich im Knast einen Namen

Ein Revolver Marke Arminius - mit einer solchen Waffe begang Pinzner alle seine Auftragsmorde.

Während eines Freigangs im Juli 1984 begeht Pinzner seinen ersten Mord. Er hat sich eine Waffe besorgt und erschießt einen Ex-Bordellbetreiber in Kiel, der im Milieu Leute erpresst. Die Waffe deponiert er nach seiner Rückkehr in einem Schließfach des Gefängnisses. Als Pinzner kurz darauf wegen guter Führung auf freien Fuß gesetzt wird, hat sich sein Ruf als skrupelloser Kerl härteren Kalibers schon im Milieu verbreitet.

Vier Morde in neun Monaten

Es folgen vier weitere Morde binnen neun Monaten. Auftraggeber ist jeweils der mächtige Zuhälterboss "Wiener Peter". Pinzner schießt immer mit einem Arminius-Revolver vom Kaliber 38 spezial. Kein Profikiller würde dieselbe Waffe mehr als einmal verwenden. Pinzner hingegen hinterlässt an jedem Tatort seine Visitenkarte.

Er wird langsam auch für seine "Geschäftspartner" zur Gefahr. Für die Auftragsmorde kassiert er ordentlich ab, will aber mehr, unter anderem Anteile an Bordellen. Für seinen Auftraggeber und die Komplizen ist Pinzner schließlich ein zu großes Risiko. Sie beschließen, den St.-Pauli-Killer für immer loszuwerden.

15. April 1986: Pinzner wird verhaftet

Für die Polizei ist Pinzner nach seiner Verhaftung ein wichtiger Zeuge.

Doch bevor sie ihren Mord-Plan umsetzen können, lässt die Polizei am 15. April 1986 eine SEK-Einheit in Pinzners Wohnung Hamburg-Barmbek anrücken und nimmt den Serienkiller fest. In der U-Haft hat seine Sicherheit Priorität: Der Killer muss geschützt werden, denn er ist ein wichtiger Zeuge gegen die Strippenzieher, die ihn beauftragt haben. Auch nach seiner Festnahme bleibt Pinzner eine Gefahr für viele Kiezgrößen.

Seine Frau Jutta und seine Anwältin Isolde O. stehen ihm zur Seite. Seine Verteidigerin versorgt Pinzner mit Nachrichten und Drogen. Seine Anwältin vermarktet ihn auch an die Presse. Sie ist es schließlich, die seine Komplizin bei seinem großen Abgang wird.

Eine Anwältin als Komplizin

Während der Haft sagt Pinzner umfangreich aus und gesteht die fünf Morde. Gleichzeitig bereitet er alles für seinen "Exitus triumphalis" vor. Am 29. Juli 1986 ist sein letzter Vernehmungstermin. Pinzner gibt an, Einzelheiten zu einem weiteren Mord aussagen zu wollen. Seine Anwältin und seine Frau Jutta sind in seine wahren Pläne für die Vernehmung eingeweiht. Die Anwältin beschafft einen Revolver und die Ehefrau schleust ihn in das Vernehmungszimmer im Polizeipräsidium am Berliner Tor. Der ermittelnde Staatsanwalt Wolfgang Bistry trifft die beiden Frauen auf dem Flur und öffnet galant die Sicherheitsschleuse. Niemand kontrolliert die beiden. Auf der Toilette wird umgepackt: Der versteckte Revolver der Marke Smith & Wesson kommt in eine Handtasche.

Blutbad im Präsidium

Nach dem Staatsanwalt erschießt Pinzner seine Ehefrau Jutta und zum Schluss sich selbst.

Im Vernehmungszimmer sitzen neben Jutta Pinzner und der Anwältin noch der Staatsanwalt Bistry, eine Schreibkraft und zwei unbewaffnete Polizeibeamte. Nach der Rechtsbelehrung fordert Bistry den Angeklagten auf, seine versprochenen Einzelheiten zu erzählen: "Na, dann schießen Sie mal los". Pinzner greift zur Waffe und erschießt Bistry, seine eigene Frau, die zuvor vor ihm niedergekniet ist, und schließlich sich selbst.

Kurz darauf werden Pinzners Mord-Komplizen und sein Auftraggeber "Wiener Peter" verhaftet. Er bekommt lebenslänglich und hat mittlerweile seine Haftstrafe verbüßt. Er lebt auf Ibiza. Das Milieu auf St. Pauli hat sich seit den 80er-Jahren grundlegend geändert. Heute haben auf St. Pauli ganz andere Banden das Sagen.