Die Reeperbahn auf St. Pauli - Von der Seilerstraße zur "Sündigen Meile" in Hamburg

10.08.2017

Die Reeperbahn ist die zentrale Straße im Vergnügungs- und Rotlichtviertel des Hamburger Stadtteils St. Pauli. Sie ist etwa 930 Meter lang und verläuft vom Millerntor in Richtung Westen bis hin zum Nobistor (Hamburg-Altona), wo sie in die Königstraße übergeht. Die große Anzahl an Diskotheken, Bars und Nachtclubs hat ihr den Spitznamen "die sündigste Meile der Welt" eingebracht.

Fotos: (c) Jens Hartmann / Text: Jens Hartmann + Wikipedia

Sehenswürdigkeiten


Zu den Sehenswürdigkeiten an der Reeperbahn gehören die vielen Nachtclubs, Bars und Diskotheken. Dazu zählen das bekannte Café Keese, die fensterlose Kneipe "Zur Ritze" mit eigenem Boxkeller und die unterschiedlichsten Lokalitäten, die sich in den Seitenstraßen, wie der vom Beatles-Platzabzweigenden Großen Freiheit oder dem Hans-Albers-Platz, fortsetzen. Theater konzentrieren sich am parallel zur Reeperbahn verlaufenden Spielbudenplatz mit der bekanntesten deutschen Polizeiwache, der Davidwache, dem Wachsfigurenkabinett Panoptikum, dem St.-Pauli-Theater, Schmidt Theater und Schmidts Tivoli sowie dem Operettenhaus. Zu den bekannten Etablissements im Erotikbereich gehören das Dollhouse, das Safari und das A la Charm. Auch die SM-Szene ist auf der Reeperbahn ansässig. Der Club de Sade ist Europas ältester SM-Klub aus den 1960er Jahren.


Parallel zur Reeperbahn verläuft etwas versteckt im Süden die bekannte Herbertstraße, eine Bordellstraße, die nur zu Fuß und durch zwei Sichtblenden hindurch betreten werden kann.

Schon seit den 1960er Jahren wird über eine Umgestaltung des zentralen Spielbudenplatzes diskutiert, um diesen Platz auf dem Kiezwiederzubeleben. Zunächst wurden Ende der 1960er Jahre ein- bis zweigeschossige Pavillons errichtet, wie sie auch in Einkaufszentren dieser Zeit üblich waren. Es siedelten sich zunächst verschiedene (Fastfood-)Gaststätten, Freizeitclubs (mit Billard, Tischfußball und ähnlichem) sowie kleinere Läden für Bekleidung, Andenken, Postershops etc. an. Jedoch entstanden durch die stark unübersichtlich verwinkelte, enge Passage große Hygiene- und Sicherheitsprobleme, wodurch viele Geschäfte, besonders im mittleren Bereich schnell wieder geschlossen wurden und nicht wieder vermietet werden konnten. Dadurch entwickelte sich der Spielbudenplatz zunehmend zu einem Schandfleck. Ende der 1980er Jahre wurden die dortigen Pavillons abgerissen, und die rund 300 m lange Fläche blieb oftmals ungenutzt. Nach kontrovers diskutierten Vorschlägen (u. a. eine Installation mit zwei Kränen von Jeff Koons) wurde im Dezember 2004 ein Plan mit zwei einander gegenüber liegenden beweglichen Bühnen, auf denen regelmäßig Veranstaltungen stattfinden sollen, durch die Stadt Hamburg beschlossen und umgesetzt. Am 2. Juni 2006 wurde der 9,7 Mio € teure Umbau von Spielbudenplatz und Reeperbahn offiziell eingeweiht.

Im Operettenhaus wurde bis 2001 das Musical Cats von Andrew Lloyd Webber deutsch uraufgeführt, sowie von 2002 bis 2007 (in deutscher Uraufführung) Mamma Mia!, das ABBA-Musical. Im Dezember 2007 feierte dort das Udo Jürgens-Musical Ich war noch niemals in New YorkWeltpremiere. Dieses wurde im Herbst 2010 von Sister Act abgelöst. Im November 2012 hatte das Musical Rocky - fight from the heartPremiere. Seit Herbst 2016 (bis Sommer 2017) wird dort das Musical Hinterm Horizont mit Liedern von Udo Lindenberg aufgeführt. Ab Dezember 2017 folgt das Musical "Kinky Boots" mit der Musik von Cindy Lauper.

Kinky Boots ist ein Musical in zwei Akten von Harvey Fierstein (Musicallibretto) und Cyndi Lauper(Musik und Liedtexte). Das Werk wurde am 2. Oktober 2012 in Chicago uraufgeführt. Es basiert auf dem, auf wahren Begebenheiten beruhenden, Film Kinky Boots - Man(n) trägt Stiefel aus dem Jahr 2005.

Das Stück handelt von Charlie Price, der die untergehende Schuhfabrik seines Vaters erbt und, um die Firma zu retten, eine Marktnische sucht, in der die Fabrik überleben kann. Diese Nische findet er in der Produktion von Schuhen und Stiefel für Drag-Queens, Travestiekünstler und Cross-Dresser, die besonders stabiles Schuhwerk brauchen, das jedoch gleichzeitig modisch sein soll. Dabei stößt er zunächst auf den Widerstand der Fabrikarbeiter, erhält jedoch Hilfe von der Drag-Queen Lola.

Kinky Boots läuft seit März 2013 am New Yorker Broadway und seit August 2015 am Londoner West End. Bei der Verleihung der Tony Awards 2013 wurde das Stück sechsmal ausgezeichnet, unter anderem als "Bestes Musical". Auch die Londoner Produktion wurde bei den Laurence Olivier Awards2016 mehrfach ausgezeichnet, unter anderem als "Bestes Neues Musical".

Den Beatles gelang nahe der Reeperbahn ein großer Schritt auf dem Wege zu ihrer Weltkarriere, wo sie unter anderem im "Star-Club", "Kaiserkeller", "Top Ten Club" und im "Indra" auftraten. Der Beatles-Platz erinnert an diese Ereignisse. Berühmtheit erlangte die Reeperbahn mit dem Film Große Freiheit Nr. 7 (UFA 1943) mit Hans Albers und dem von ihm darin gesungenen Lied Auf der Reeperbahn nachts um halb eins. Ein Denkmal auf dem direkt an die Reeperbahn angrenzenden Hans-Albers-Platz stellt ihn wie im Film mit Schifferklavier und Schiffermütze dar. Udo Lindenberg hat als einziger Künstler einen Stern auf der Reeperbahn, der den Sternen auf dem Hollywood Walk of Fame nachempfunden ist. Auch er hat mit Reeperbahn die "geile Meile" besungen, genauso wie Tom Waits mit seinem gleichnamigen Lied.

Seit 2006 findet auf der Reeperbahn jährlich im September das Reeperbahn-Festival statt. Weitere jährliche Großveranstaltungen sind der Schlagermove Anfang Juli und die Harley Days.

Im September 2011 fand das Richtfest für die Tanzenden Türme statt. Unter der Adresse Reeperbahn 1 wurde hier 2013 der Mojo Clubwiedereröffnet.

Geschichte


Die Reeperbahn erhielt ihren Namen von Taumachern und Seilern, den so genannten Reepschlägern, die für die Herstellung von Schiffstauen eine lange, gerade Bahn benötigen. Dementsprechend gibt es auch in anderen Städten Straßen dieses Namens, beispielsweise in Kiel, Elmshorn, Schleswig, Stade, Buxtehude oder im dänischen Aalborg. Der Begriff Reiferbahn ist Hochdeutsch für Reeperbahn, bedeutet also dasselbe, während auf einer Seilerbahn geringwertigere Seile produziert wurden. Daher ist eine Seilerbahn auch nicht länger als etwa 50 m, während eine Reeperbahn mindestens über 300 m Länge verfügt. Die letzte echte auf Hamburger Gebiet verbliebene Reeperbahn ist heute in Hamburg-Hausbruch auf der südlichen Elbseite zu finden. Reifer und Reeper sind vermutlich auf protogermanisch *raipaz zurückzuführen, was auch denselben Vorläufer für englisch rope und niederländisch reep darstellt.


Die Reeperbahn lag bis zur Aufhebung der Hamburger Torsperre 1860/1861 und der sukzessiven Ausdehnung Hamburgs in der Vorstadt Hamburger Berg (alte Bezeichnung St. Paulis) genau zwischen den beiden Städten Hamburg mit der Stadtgrenze Millerntor und Altona mit der Stadtgrenze Nobistorauf Höhe der Einmündung der Großen Freiheit. Menschen und Gewerbe, die in beiden Städten unerwünscht waren, konnten sich so in unmittelbarer Nähe ansiedeln und waren dennoch in das Stadtleben eingebunden. Eine erste Wohnbebauung wurde 1826-1827 nach Entwürfen von Wimmel als kleinteilige Wohnhäuser im Stil einer Hausreihe auf der Nordseite der Reeperbahn zwischen Millerntor und dem Hamburger Berg vorgenommen. Für die in den 1880er Jahren angelegten Querstraßen (Hein Hoyer-Straße, Bremer Straße) wurden später einzelne Häuser abgerissen.

Ein kleiner historischer Fehler ist der, dass die Hamburger Reeperbahn angeblich nicht die eigentliche Bahn der Reeper war, sondern die im Vergleich zur Reeperbahn schnurgerade verlaufende parallele Simon-von-Utrecht-Straße. Zwischen diesen beiden liegt noch heute die Seilerstraße; deren Name ist Programm. Der Begriff "Reeperbahn" steht also - neben Produktionsstätte für Tauwerk und Straße in Hamburg - heute als Synonym für: "Die sündige Meile" bzw. ihr näheres Umfeld, meist aber einfach nur liebevoll "der Kiez" genannt. Beim "Bummel über die Reeperbahn" beschränkt man sich üblicherweise nicht auf die Straße Reeperbahn allein.

Nachdem die Anzahl der Gewaltdelikte auf St. Pauli kontinuierlich angestiegen war, wurde 2007 ein Verbot für die Reeperbahn und die Seitenstraßen erlassen, Waffen, Messer und andere gefährliche Gegenstände mitzuführen. Die ansässigen Geschäfte wurden aufgefordert, keine Glasflaschen mehr zu verkaufen. Durch das Glasflaschenverbotsgesetz wurde 2009 auch das Mitführen von Glasflaschen und Gläsern in den Wochenendnächten und vor Feiertagen vollständig verboten und kann mit bis zu 5000 € Geldbuße bestraft werden. Gelbe Hinweisschilder grenzen das Gebiet ein. Ein Rückgang der Gewalt ist durch diese Maßnahme nicht festgestellt worden.

Im Dezember 2011 wurde von der IG St. Pauli der Antrag gestellt, die Reeperbahn zu einem "Business Improvement District" (BID) zu machen, um für mehr Sauberkeit und ein besseres Gesamtbild zu sorgen.

Bis zum Dezember 2013 befand an der Reeperbahn eine über die Stadtgrenzen hinaus bekannte Esso-Tankstelle, die täglich rund um die Uhr geöffnet hatte und von vielen Kiez-Besuchern frequentiert wurde.

Verkehrsanbindung

S-Bahn-Station ReeperbahnU-Bahn-Station St. Pauli

Die Reeperbahn stellt in Richtung Osten eine Zubringerstraße der B4 (Ludwig-Erhard-Straße und Willy-Brandt-Straße) dar. Im Westen führt sie ab der Kreuzung Holstenstraße Ecke Pepermölenbek als Königstraße weiter Richtung Altona-Altstadt.

Auf der Reeperbahn befinden sich zwei Bushaltestellen (S-Reeperbahn und Davidstraße), sowie eine weiter auf dem östlich anschließenden Millerntorplatz (U-St.Pauli).

Am westlichen Ende der Reeperbahn liegt die unterirdische S-Bahn Station Reeperbahn der Linien S1, S2 und S3. Sie hat zwei Ausgänge auf Höhe Talstraße/Silbersackstraße sowie drei Ausgänge an der Kreuzung Königstraße, Nobistor und Pepermölenbek. Die Haltestelle ist eine so genannte Mehrzweckanlage und kann im Verteidigungs- oder Katastrophenfall als ziviler Schutzraum für 4.500 Menschen umgebaut werden. Der Bahnsteig wird an Wochenendnächten verstärkt von Bundespolizisten und Mitarbeitern der DB Sicherheit kontrolliert.

Der U-Bahnhof St. Pauli befindet sich auf dem Millerntorplatz, am östlichen Ende der Reeperbahn. Hier fährt die U-Bahn-Linie 3.