Das Chilehaus in Hamburg - Ein Kontorhaus wie ein Schiff

09.08.2017

Das Chilehaus im Hamburger Kontorhausviertel an der Elbe, ein imposanter Backsteinbau mit 2800 Fenstern und aus 4,8 Millionen Backsteinen, gehört  mit 4 weiteren Gebäuden, zum UNSECO-Weltkulturerbe.

Die 5 Gebäude gehören als ein Ensamble zum ersten reinen Bürogebäudekomplex der Welt. Bis dahin hatte man meistens alles zusammen in einem Gebäude. Wohnen, arbeiten und lagern. Dieses führte in Hamburg 1842 zu dem großen Hamburger Brand, der 1/4 der Stadt zerstört hat und in der Deichstraße seinen Ausgangspunkt hatte. Auch der letzte Ausbruch der Cholera 1892 in Hamburg führte zu einem Umdenken im Städtebau. Die Hamburger Gängeviertel waren ein idealer Nährboden für Krankheiten, da hier sehr viele Menschen unter schlimmsten Bedingungen auf kleinstem Raum zusammen lebten. Katastrophale hygenische Verhältnisse und die Zwangsumsiedlung der Bewohner der alten Gebiete der heutigen Speicherstadt, sorgten für den Ausbruch. Ein heute noch existierendes Beispiel ist der Bäckerbreitergang in der Hamburger Neustadt. Mehr Infos dazu in dem Hamburger Bauheft über das Gängeviertel. 

Der damalige Oberbaudirektor Fritz Schumacher, einer der bekanntesten Vertreter des norddeutschen Backstein-Expressionismus, machte Vorgaben für eine neue Ausrichtung der städtebaulichen Gestaltung. Auf ihn gehen über 90 große Backsteingebäude zurück, die größtenteils heute noch genutzt werden. Die Davidwache, Bernhard-Nocht-Tropeninstitut, Stadtpark mit Wasserturm und das Museum für Hamburgische Geschichte sind nur ein paar Bespiele.

Fotos: (c) Jens Hartmann / Texte: Jens Hartmann / NDR

Das Chilehaus - ein Haus wie ein Schiff

Es ist eines der wichtigsten Bauwerke des Backstein-Expressionismus und das vielleicht imposanteste Kontorhaus der Welt: Das Chilehaus in Hamburg, entworfen und erbaut zwischen 1922 und 1924 von Fritz Höger. Seit Juli 2015 zählt das eindrucksvolle Gebäude als Teil des Kontorhausviertels und gemeinsam mit der benachbarten Speicherstadt zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Das Chilehaus - Hamburgs Wahrzeichen aus Backstein

  • Das Chilehaus ist das bekannteste Gebäude des Hamburger Kontorhausviertels und ein Wahrzeichen der Hansestadt. Mit seiner imposanten Fassade ist es eines der wichtigsten Werke des Backstein-Expressionismus.

  • Der Blick aus der Luft zeigt, wie sich das spitz zulaufende Gebäude in das Kontorhausviertel einfügt. Nebenan liegt nördlich (auf dem Bild rechts) der Sprinkenhof mit seiner abgerundeten Fassade, südlich (l.) der Meßberghof.

  • 4,8 Millionen Ziegelsteine wurden für das Chilehaus, das zwischen 1922 und 1924 entstand, verbaut. Der spektakuläre Entwurf stammt von dem Architekten Fritz Höger und sorgte bereits vor der Fertigstellung für Aufsehen.

  • Die spitz zulaufende Südostecke ist das Markenzeichen des Gebäudes. Sie erinnert ganz bewusst an einen Schiffsbug, schließlich machte der Bauherr Henry Sloman sein Vermögen im Überseehandel - und der war von zuverlässigen und schnellen Schiffen abhängig.

  • Sloman war im Salpeterhandel mit Chile tätig. Ein Anden-Kondor, Wappentier Chiles, verweist an der Gebäudespitze auf seine enge Verbindung mit dem südamerikanischen Land.

  • Die Südfassade ist leicht geschwungen und wirkt trotz ihrer Höhe beschwingt und elegant. Die Form verstärkt zugleich den Eindruck eines riesigen Schiffes.

  • Der mächtige Komplex war das erste Gebäude des neuen Kontorhausviertels. Mit seinen breiten Torbögen überspannt er die alte Fischertwiete. Mehrere Anträge waren nötig, bevor der Bau in dieser Form genehmigt wurde.

  • Im Hof lohnt ein Blick nach oben: So wird die klare Gliederung und die imposante Größe des Gebäudes, das eines der ersten Hochhäuser Deutschland war, deutlich.

  • Auffallend ist der schöne Fassadenschmuck. An vielen Stellen finden sich Keramik-Ornamente und Skulpturen. Sie sind typisch für die Architektur des Backstein-Expressionismus.

  • Der Fassadenschmuck des Chilehauses stammt von dem bekannten Bildhauer Richard Kuöhl - hier etwa die Darstellung eines Vogels, der seine Jungen im Nest füttert. Kuöhl verzierte mit seinen Arbeiten außerdem etliche Bauten des Architekten Fritz Schumacher und fertigte mehrere Denkmäler in Hamburg an.

  • Die Eingangsbereiche darf man zu den normalen Bürozeiten aber betreten. Sie zeigen, dass Architekt Höger auch im Inneren viel Wert auf Details legte. Ein Kronleuchter und farbige Fliesen wirken hanseatisch zurückhaltend und elegant.

  • Wer genau hinsieht, findet an den Wänden hinter den Eingangstüren noch die alten, handgemalten Hinweisschilder auf die früheren Mieter.


Besonders beeindruckend wirkt das zehnstöckige Gebäude, wenn sich der Besucher von Südosten her nähert. Wie ein riesiger, spitz zulaufender Schiffsbug ragt der Klinkerbau in den Himmel, die gesamte Außenfassade mit ihren 2.800 Fenstern ist geschwungen. Nicht minder beeindruckend ist das Innere des Chilehauses: Schwere Mahagonitüren, gewundene Treppenhäuser und Keramik-Ornamente zieren das gewaltige Gebäude, das sich um einen rechteckigen Innenhof gruppiert. Das Chilehaus bildet den Kern des Kontorhausviertels, das aus weiteren imposanten Backsteinkomplexen wie etwa dem direkt nebenan gelegenen Sprinkenhof besteht.

4,8 Millionen Ziegelsteine und 750 Güterwagen Zement

Architekt Fritz Höger gilt neben Fritz Schumacher als wichtigster Vertreter des norddeutschen Backstein-Expressionismus. 4,8 Millionen Ziegelsteine und 750 Güterwagen Zement verbaute er für das riesige Kontorhaus, das er im Auftrag des Hamburger Kaufmanns Henry Brarens Sloman errichtete. Sloman hatte Hamburg als junger Mann in Richtung Chile verlassen und war später durch den Salpeterhandel reich geworden. 1898 kehrte er als 50-Jähriger in seine Heimatstadt zurück und ließ später das mit 36.000 Quadratmetern seinerzeit größte Bürohaus Deutschlands in Auftrag geben.

Stichwort: Backstein-Expressionismus

In den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhundert entwickelte sich eine Variante der expressionistischen Architektur, bei der Klinker oder Backstein im Mittelpunkt der Fassadengestaltung stehen. Charakteristisch ist eine ornamentale Formensprache mit teils kantigen oder spitzen Elementen. Der Backstein wird gezielt zu Mustern gesetzt und lässt die Fassade so besonders lebendig erscheinen. Vor allem in Norddeutschland und dem Rhein-Ruhrgebiet entstanden zahlreiche Gebäude im Stil des Backstein-Expressionismus.

Gebäude ruht auf Betonpfählen

17 Bauanträge musste Höger stellen, bevor der Senat den Bau genehmigte, der auf zwei Grundstücken mit einer Fläche von insgesamt fast 6.000 Quadratmetern entstand. Besonders das Vorhaben, die Straße "Fischertwiete" zu überbauen, stieß zunächst auf Skepsis. Da das Gebäude auf feuchtem Untergrund entstand, wurden im Fundament Betonpfähle verarbeitet, Keller und Heizungsräume wegen der Nähe zur Elbe speziell vor Hochwasser geschützt. Wegen seiner spektakulären Architektur fand das Gebäude schon bald weltweit Beachtung. Nach der Fertigstellung ließen sich in dem Kontorhaus vor allem kleine und mittlere Im- und Exportfirmen nieder, die im Überseehandel tätig waren.

Heute befinden sich in dem Gebäude Arztpraxen, Anwaltskanzleien und etliche Büroräume insbesondere für kleinere Unternehmen. Im Erdgeschoss rund um den Innenhof haben sich Restaurants, ein Warenhaus sowie mehrere kleinere Einzelhändler angesiedelt. Besucher können sich nur von außen und beim Besuch des Innenhofs einen Eindruck von dem imposanten Gebäude verschaffen. Die Büroräume im Inneren sind nicht zu besichtigen. Seit 1983 steht das Chilehaus unter Denkmalschutz.